home

search

Kapitel 5 – Sterne und Schatten

  Der Unterrichtsraum für Abenteurerwesen lag eine Etage tiefer als Miss Silents Klassenzimmer. Hier war die Luft w?rmer, aber schwerer – nach Kreide, altem Holz und einem Hauch Leder. Von den Gürteln, Taschen und übungsrüstungen, die in der Ecke an Haken hingen. Einige Riemen wirkten, als w?ren sie oft gel?st und wieder festgezogen worden; nicht geschniegelt, sondern benutzt. Ein herber Geruch blieb daran h?ngen, als h?tte das Material selbst Erinnerungen gespeichert.

  An der Tafel stand heute kein zierlicher Dozent im Akademiegewand, sondern ein breitschultriger Mann mit kurz geschnittenem Haar und einer Narbe, die vom Kinn bis zum Schlüsselbein lief. Seine Uniform war halb Gilde, halb Akademie: ein dunkler Mantel mit dem eingestickten Wappen der Abenteurergilde von Soltris – und darüber das Emblem der Akademie. Beides wirkte nicht wie Dekoration, sondern wie zwei Siegel. Zwei Beweise, dass man hier nicht darüber diskutierte, ob Regeln galten.

  ?Setzen. Ruhe.“ Seine Stimme war rau, als h?tte er sie sich drau?en im Wind geholt. ?Ihr seid heute nicht hier, um euch von Geschichten einlullen zu lassen. Das hier ist euer m?glicher Weg nach drau?en – in Dungeons, auf Monsterjagd, in den Dienst von K?nigreichen und Gilden.“

  Das Wort drau?en lie? sich nicht weich h?ren. Es klang wie eine Grenze. Wie etwas, das man überschreitet – und dann nicht mehr so einfach zurückkommt.

  Krent sa? in der Mitte des Raumes, das Kinn in die Hand gestützt. Neben ihm lehnte sich Diamant entspannt zurück, die H?nde hinter dem Kopf verschr?nkt, als w?re das hier eine angenehme Ablenkung und kein Unterricht. Seine Gelassenheit war fast provokant – nicht laut, nicht übertrieben, aber sichtbar.

  So sichtbar wie die runde Plakette auf der Brust ihrer Schuluniformen.

  Die Abzeichen waren offiziell, dafür gedacht, dass niemand raten musste. Ein runder Ring, ein Stern darin. Bei Krent und Diamant in einem hellen, klaren Blau – Platin. Selbst aus ein paar Reihen Entfernung konnte man es erkennen. Und jeder hier konnte z?hlen, wie weit Platin von dem entfernt lag, was die Akademie einem überhaupt erlaubte, am Ende zu sein.

  Kampftheorie, Abenteurerwesen … Krent lie? den Blick durch den Raum schweifen. Mal sehen, wie viel davon mit der Realit?t übereinstimmt.

  Weiter hinten sa?en zwei M?dchen, die er schon gesehen hatte – nicht oft, aber oft genug, dass er ihre Namen kannte: Valeria und Rubin. Keine Freunde. Keine Feinde. Eher diese Kategorie ?bekannte Gesichter“, die man in einem Geb?ude dauernd an sich vorbeiziehen sieht, ohne dass daraus schon etwas wird. Beide wirkten heute stiller als sonst. Nicht, weil sie pl?tzlich alles ernst nahmen – sondern weil sie st?ndig zu ihm und Diamant hinüberschielten und dabei so taten, als h?tten sie es nicht getan.

  Der Mann an der Tafel lie? sich davon nicht beeindrucken. Er griff nach einem Stück Kreide, drehte es kurz zwischen den Fingern und sagte:

  ?Name. Für die, die zu sp?t im Plan gelesen haben: Ich bin Gildenmeister Haron.“ Er verzog den Mund nicht einmal zu einem L?cheln. ?Keine Sorge, ihr müsst mich nicht mit ?Herr Gildenmeister‘ anreden. ?Meister Haron‘ reicht.“

  Ein paar Schüler kicherten nerv?s. Das Kichern starb schneller, als es entstanden war. Nicht, weil Haron sie b?se ansah – sondern weil seine Stimme denselben Ton behielt, egal ob jemand lachte oder nicht.

  Haron nahm die Kreide und schrieb gro? an die Tafel:

  STERNRANGSYSTEM

  Die Buchstaben waren klar, kantig, ohne Schn?rkel. Als h?tte er keine Lust, Zeit auf sch?ne Linien zu verschwenden. Kreidestaub l?ste sich dabei in einem trockenen Schleier und schwebte kurz im Licht, bevor er sich irgendwo auf Holz und Stoff legte. Krent roch es. Trocken. Fast bitter.

  ?Das Sternrangsystem“, begann Haron, ?ist ?lter als jedes der Reiche, in denen ihr lebt. Es stammt aus Fragmenten einer alten Zivilisation. Ob es damals für Krieg, Schutz oder Forschung entwickelt wurde – wir wissen es nicht.“

  Er zog eine horizontale Linie unter die überschrift, einmal durch, ohne zu z?gern.

  ?Fakt ist: Es hat überlebt.“ Er klopfte mit der Kreide kurz gegen die Tafel. Tock. ?G?tter nicht. Alte Reiche nicht. Aber dieses Rangsystem schon. Und heute werden Abenteurer nach diesen Sternen, Zacken und R?ngen beurteilt.“

  Krent tippte seine Feder gegen das Heft. Nicht laut. Nur so, dass seine Finger etwas zu tun hatten.

  Das gleiche System wie in den Gilden … nur glattgebügelt als Unterricht.

  ?Fangen wir unten an.“ Haron schrieb:

  Registriert

  ??Registriert‘ hei?t: Ihr existiert im System. Name, Daten, Eintrag.“ Er drehte sich halb um, als würde er die Klasse abtasten. ?Aber ihr seid noch keine Abenteurer. Kein Rang. Keine Eins?tze. Keine Erfahrung.“

  Einige Federn kratzten sofort los. Andere hielten kurz inne, als h?tten sie bei kein Rang instinktiv nach ihrer Brustplakette geschielt.

  Haron setzte darunter:

  Rang 1–5: Sternzacken

  Und dann, in einer Reihe, sauber untereinander, ohne Pause:

  1 Sternzacken

  2 Sternzacken

  3 Sternzacken

  4 Sternzacken

  5 Sternzacken

  ?Anf?ngerstufen“, sagte Haron. ?Und ja – ihr werdet sie hassen, wenn ihr jemals dort anfangt.“

  Ein leises Murmeln ging durch die Reihen. Mehr Reflex als Reaktion. Hast du das auch geh?rt? Er meint das ernst.

  ?Ein-Sternzacken: erste einfache Auftr?ge.“ Haron tippte mit der Kreide auf die erste Zeile. ?Boteng?nge. Aufr?umen. Kleinvieh. ?Halb sichere‘ Gebiete.“

  Halb sicher. Krent lie? das Wort kurz im Kopf liegen. Es war ein gutes Wort. Ehrlich genug, um niemanden zu belügen. Vage genug, um trotzdem Risiken zu verstecken.

  ?Zwei-Sternzacken: erste echte Bew?hrung im Feld.“ Harons Kreide strich über die zweite Zeile, als würde er sie abwischen, nicht markieren. ?Mehr Gefahr. Viele scheitern hier, weil sie zu früh glauben, etwas zu sein.“

  Krent sah kurz zu Diamant. Der grinste nur, als w?re ?zu früh glauben, etwas zu sein“ eine Unterhaltung, die er schon lange hinter sich hatte.

  ?Drei-Sternzacken: erste Bew?hrung im Dungeon.“ Haron sagte das, als würde er ein Messer auf den Tisch legen. ?Das ist der Punkt, an dem ihr merkt, ob euch das Abenteurerleben liegt … oder ob ihr besser ein ruhiges Leben in einer Bibliothek sucht.“

  Ein paar Schüler lachten unsicher. Haron wartete nicht auf das Ende des Lachens. Er arbeitete einfach weiter.

  ?Vier-Sternzacken: fortgeschritten. Kann sich behaupten. Gilt aber noch als Anf?nger.“

  Er klopfte auf die fünfte Zeile.

  ?Fünf-Sternzacken: Spitze der Novizenstufen. Wer hier ankommt, hat ein Fundament.“ Seine Stimme blieb trocken. ?Aber er ist noch weit davon entfernt, ein gro?er Abenteurer zu sein.“

  Einige Gesichter wirkten bei Fundament erleichtert, als h?tte man ihnen erlaubt, etwas zu haben, worauf man bauen darf.

  Krent merkte, wie sein Blick unwillkürlich wieder auf die Brustplakette fiel – Platin, hellblau. Ein Fundament war das nicht. Das war ein Sprung über mehrere Ebenen, den viele hier nur aus Geschichten kannten.

  Haron legte die Kreide nicht ab. Er schrieb direkt darunter:

  Rang 6–10: Veteranen

  Und setzte, ohne zu stocken, die fünf Worte darunter:

  Kupfer

  Zinn

  Bronze

  Eisen

  Stahl

  ?Ab hier“, sagte Haron, ?beginnt das, was die meisten drau?en wirklich als Abenteurer bezeichnen.“ Er strich mit der Kreide wie mit einem Zeigestock über die fünf Zeilen. ?Veteranen. Nicht, weil ihr unsterblich seid – sondern weil ihr genug überlebt habt, um Routine zu entwickeln.“

  Ein Stuhlbein scharrte irgendwo. Leder knarzte leise, als jemand sich auf seinem Gürtel anders hinsetzte.

  Stolen novel; please report.

  ?Kupfer ist der erste Veteranenrang. Der erste Punkt, an dem ihr nicht mehr nur ?dabei‘ seid, sondern erwartet wird, dass ihr Entscheidungen treffen k?nnt, die euch am Leben halten.“ Er sah kurz zur Klasse. ?Viele tr?umen von Silber. Die meisten vergessen, dass sie Kupfer erst einmal erreichen müssen.“

  In der hinteren Reihe setzte jemand den Deckel eines Tintenfasses zu hastig auf. Klack. Das Ger?usch stand einen Moment zu deutlich im Raum.

  Haron schrieb ein neues Label, diesmal darunter, sauber getrennt:

  Rang 11–15: Prestige

  Und setzte die Reihe fort:

  Silber

  Gold

  Platin

  Rhodium

  Osmium

  Als Platin an der Tafel stand, war es, als würde ein Faden durch den Raum gespannt. Nicht sichtbar – aber spürbar. K?pfe drehten sich nicht sofort. Erst nach einer Sekunde, wie ein Echo.

  Rubin schob die Feder ein Stück beiseite, ohne zu merken, dass sie dabei einen feuchten Streifen Tinte über den Rand ihres Blattes zog. Ihr Blick rutschte nicht auf Krents Gesicht. Sondern auf seine Plakette. Den hellblauen Ring. Den Stern darin.

  ?Platin …“ Das Wort war kaum mehr als ein Atemzug.

  Valeria antwortete nicht sofort. Dann, genauso leise: ?Und wir dürfen maximal Kupfer sein, wenn wir fertig sind.“

  Es war kein Vorwurf. Es war diese nüchterne Feststellung, die Angst ausl?sen kann, weil sie so logisch ist.

  Krent tat so, als h?tte er es nicht geh?rt. Nicht aus Arroganz. Aus Gewohnheit.

  Natürlich. ?Ausnahmen‘. ?Spezialf?lle‘. ?Wir wollen nur sicher sein, dass ihr nicht zu einer wandelnden Katastrophe werdet‘.

  Haron blieb nicht bei Platin stehen. Er ging weiter, als w?re es nur ein weiteres Wort – und genau dadurch bekam es Gewicht.

  ?Silber: Prestige.“ Er tippte mit der Kreide auf die erste Zeile. ?Mehr Zugang. Gr??ere Dungeons. Truppleitung, wenn ihr euch bew?hrt.“

  ?Gold: schwerere Auftr?ge, Verantwortung.“ Ein kurzer Blick über die Klasse, als würde er sich merken, wer bei Verantwortung schluckte.

  ?Platin: weithin respektiert. Mentorenfunktion. Freigaben für m?chtige Monster.“ Harons Stimme blieb ruhig. ?Erweiterter Archivzugang.“

  Diamant schnaubte leise – nicht sp?ttisch genug, dass man ihn sicher erwischen konnte, aber zu ehrlich, um es ganz zu verbergen.

  Krent hielt den Blick auf seinem Heft, doch seine Finger verkrampften sich kurz um die Feder.

  Wenn die wüssten … wir waren Platin, bevor wir überhaupt einen Fu? in diese Akademie gesetzt haben.

  Er zwang seine Hand, weiterzuschreiben. Nicht, weil er es brauchte. Sondern weil Nichtschreiben auffiel.

  Haron schrieb das n?chste Label:

  Rang 16–20: Legenden

  Und setzte darunter die letzten fünf Stufen, diesmal etwas langsamer – als würde er jeder einzelnen erlauben, im Raum zu landen:

  Iridium

  Tantal

  Mithril

  Orichalcum

  Adamantit

  Bei Adamantit wurde es spürbar stiller. Nicht, weil Haron es verlangte – sondern weil das Wort selbst wie ein Gewicht wirkte, das man nicht einfach mit einem Lacher wegschiebt.

  ?Legendenr?nge“, sagte Haron. ?Ab hier hat Rang politisches Gewicht. Milit?risches Gewicht. Historisches Gewicht.“ Er tippte mit der Kreide auf Adamantit. ?Und das hier ist der h?chste bekannte Rang.“

  Krent musste unwillkürlich an Miss Silents Stunde denken. An den Gesandten, an das Licht, an den Ma?stab, den man aus einer Geschichte gemacht hatte. Und daran, wie schnell aus Mythos etwas wird, das man in Begriffe presst, bis es pl?tzlich wie eine Regel wirkt.

  Haron legte die Kreide beiseite, wischte sich den Staub mit dem Daumen vom Zeigefinger und drehte sich zur Klasse.

  ?Jetzt kommt der Teil, der euch besonders interessiert: die Verbindung zur Akademie.“

  Er klatschte einmal in die H?nde – scharf genug, dass niemand es ignorieren konnte. Das Ger?usch schnitt durch jedes Federkratzen.

  ?Je besser eure Abschlussprüfung an der Akademie von Soltris ausf?llt, desto h?her ist euer m?glicher Einstieg in die Abenteurergilden – falls ihr diesen Weg w?hlt.“ Sein Finger zeigte auf das Wort Kupfer. ?Aber eines ist klar: ein direkter Einstieg oberhalb des Kupfer-Rangs ist ausgeschlossen. Niemand schlie?t die Akademie mit Zinn ab. Oder Bronze. Oder Silber. Oder h?her.“

  Einige Schüler wirkten erleichtert. Andere entt?uscht – nicht, weil sie wirklich an Silber geglaubt h?tten, sondern weil man ihnen gerade offiziell gesagt hatte, dass die Leiter kürzer ist, als sie gehofft hatten.

  Diamant verzog keine Miene, aber sein Fu? tippte unruhig gegen das Tischbein. Dieses leise, regelm??ige Ger?usch war fast wie ein zweiter Herzschlag im Raum.

  Wir sind schon drüber, dachte Krent. Und trotzdem sitzen wir hier und lassen uns erkl?ren, was ein Ein-Sternzacken ist.

  Haron verschr?nkte die Arme.

  ?Damit wir uns nicht falsch verstehen“, sagte er. ?Es gibt Ausnahmen. Menschen, die bereits Abenteurer sind, bevor sie hierher kommen.“ Er suchte einen Herzschlag lang nach dem richtigen Wort. ?In seltenen F?llen erlaubt man ihnen den Besuch der Akademie – nicht, um sie st?rker zu machen, sondern damit sie …“

  Er lie? die Pause stehen, bis jemand unbewusst schluckte.

  ?… tragbar für die Gesellschaft werden.“

  Das Wort landete trocken. Unnachgiebig. Wie Kreide auf Holz.

  Ein paar K?pfe drehten sich unauff?llig in Krents Richtung. Mehr als vorher. Nicht nur neugierig – vorsichtig. Im hinteren Bereich sah Krent aus dem Augenwinkel, wie Valeria kurz innehielt. Ihre Feder schwebte über dem Papier, ohne zu schreiben. Rubin sa? daneben, und ihre Schultern wirkten pl?tzlich ein bisschen zu steif.

  Krent presste die Lippen zusammen.

  Natürlich. Projekte. Risiken. Dinge, die man verwaltet.

  Haron lie? den Blick einmal durch den Raum wandern, blieb aber bei niemandem wirklich h?ngen.

  ?Ihr müsst euch keine Illusionen machen“, fuhr er fort. ?Die meisten von euch werden froh sein, wenn sie irgendwann Fünf-Sternzacken sehen. Einige erreichen Kupfer. Wenige Silber. Noch weniger Gold.“ Er tippte einmal an die Tafel, als würde er die Worte festnageln. ?Platin und h?her – das sind Geschichten, die ihr in Tavernen h?rt … oder in Geschichtsbüchern lest.“

  Er machte eine kurze Pause, und in dieser Pause knarrte irgendwo das Holz, als würde auch der Raum kurz nachgeben.

  ?Und dann“, sagte Haron leiser, ?gibt es noch die, die dieses System selbst gepr?gt haben.“

  Er wischte mit der Handfl?che einen Teil der Tafel frei. Kreidestaub l?ste sich in einem hellen Schleier und schwebte, bis er sich langsam auf dem unteren Rand absetzte. Haron schrieb zwei Zeilen unter Adamantit:

  Unbekannter Gesandter

  Vera Vannes Soltris

  ?Historische Anmerkung“, sagte Haron. ?Bisher sind nur zwei Personen bekannt, die den Adamantit-Rang zweifelsfrei erreicht haben.“

  Er tippte mit der Kreide auf die erste Zeile.

  ?Erstens: ein mysteri?ser K?mpfer aus der alten ?ra.“ Seine Stimme blieb sachlich. ?Manche setzen ihn mit dem sogenannten Heiligen g?ttlichen Gesandten gleich. Andere bezweifeln das. Sicher ist: die Berichte über seine Macht sprengen jedes Ma?, das wir für Sterbliche kennen.“

  Haron hob die Kreide minimal an, als würde er einen Stern in die Luft zeichnen, ohne ihn wirklich zu malen.

  ?Die Akademie geht davon aus, dass er einen Unique Skill hatte.“ Ein kurzer Blick in die Klasse, als würde er abw?gen, wie viele das Wort überhaupt verstanden. ?Nicht, weil wir es beweisen k?nnen – sondern weil man sich diese Unvorstellbarkeit sonst nicht erkl?ren kann. Und weil nach seinem Erscheinen Unique Skills in den V?lkern auftauchten.“

  Krent spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.

  Also doch. Direkt an Miss Silents Stunde angeknüpft.

  Haron tippte auf die zweite Zeile.

  ?Zweitens: Vera Vannes Soltris. Die Heldenk?nigin von Exciteru.“

  Es war ein anderer Klang, als er ihren Namen aussprach. Nicht Verehrung. Nicht Mythos. Eher Respekt – mit einem Hauch Müdigkeit, als h?tte er zu viele erlebt, die aus Veras Namen entweder einen Altar oder eine Ausrede gemacht hatten.

  ?Vera ist keine Legende, die nur in Liedern lebt“, sagte Haron. ?Sie ist Geschichte. Belegt. Dokumentiert. Mit ihrem Tod wurde die Zeitz?hlung neu gesetzt. Heute schreiben wir das Jahr 1315 nach der Heldenk?nigin.“

  Einige Schüler nickten. Andere flüsterten leise. Valeria und Rubin flüsterten diesmal nicht. Sie h?rten einfach zu, als würde ihnen gerade jemand zeigen, wie gro? die Lücke zwischen ?Schüler“ und ?Ma?stab“ wirklich war.

  ?Sie war Abenteurerin“, fuhr Haron fort. ?Sie erreichte Adamantit mit sechzehn Jahren.“ Er lie? die Worte ohne Schmuck stehen. ?Ohne Unique Skill. Ohne g?ttlichen Segen. Nur mit Willen, Talent, Disziplin – und einer Sturheit, die K?nigreiche zerbrechen und neu schmieden kann.“

  Krent hatte diese Geschichte schon oft geh?rt: in Gasth?usern, an Lagerfeuern, in staubigen Archiven. Aber hier klang sie anders. Trockener. Unbestechlicher. Ohne den Trost von Musik oder W?rme.

  Adamantit mit sechzehn … und ich sitze hier im Platin-Rang und soll so tun, als w?re Kupfer das gro?e Ziel.

  ?Sie brach Sklaverei, stürzte Tyrannen, vereinte Reiche“, sagte Haron. ?In Exciteru betet man zu ihr. Nicht wie zu einer G?ttin – als Symbol. Als Ma?stab für das, was ein Mensch sein kann.“

  Krent spürte, wie sich in ihm ein alter Reflex regte: dieses Bedürfnis, sich nicht klein machen zu lassen von einem Ma?stab, den man nicht gew?hlt hatte. Und direkt dahinter: das Wissen, dass Vera als Ma?stab nicht einmal unfair war.

  Nur … brutal ehrlich.

  Haron legte die Kreide endgültig ab.

  ?Wenn ihr also von R?ngen tr?umt“, schloss er, ?dann denkt daran: Sterne und Zahlen sind Werkzeug. Kein Selbstzweck.“ Er lie? den Blick kurz über die Klasse gleiten. ?Ein Zwei-Sternzacken kann mehr Ehre haben als ein fauler Mithril-Tr?ger.“

  Er machte eine halbe Pause – gerade lang genug, dass man sie fühlte.

  ?Und ein Platin-Abenteurer …“

  Sein Blick streifte ganz kurz Krent und Diamant. Nicht anklagend. Nicht freundlich. Nur diese Art Blick, die sagt: Ich wei?, wer ihr seid. Und ich wei?, warum ihr hier sitzt.

  ?… kann manchmal mehr Probleme machen als eine ganze Horde Goblins.“

  Leises Gel?chter ging durch den Raum. Teils nerv?s, teils echt amüsiert. Diesmal klang es weniger wie Erleichterung und mehr wie das vorsichtige Ausprobieren, ob man wieder normal atmen durfte.

  Diamant grinste breit und beugte sich zu Krent hinüber.

  ?Hast du geh?rt?“, flüsterte er. ?Wir sind offiziell problematischer als Goblins.“

  Krent verdrehte innerlich die Augen.

  Super. Genau das will man über sich h?ren.

  Nach und nach begannen die Schüler, ihre Hefte zu schlie?en. Der Unterricht war noch nicht ganz vorbei, aber Haron hatte ihnen etwas hingestellt, das man nicht einfach wegpackt, indem man Papier zusammenklappt.

  ?Für die n?chste Stunde“, sagte Haron, ?lernt die Rangabfolge auswendig. Und überlegt euch, was ihr wirklich wollt. Abenteuer sind kein Spiel. Und wenn ihr nur hier seid, um Geschichten wie die der Heldenk?nigin zu h?ren …“

  Er zuckte mit den Schultern.

  ?… dann bleibt im H?rsaal und geht nicht in einen Dungeon.“

  Die Glocke schlug dumpf durch den Korridor.

  Krent stand auf, steckte die Feder weg und spürte wieder die Blicke. Manche neugierig, manche neidisch, manche misstrauisch. Bei Valeria und Rubin war es etwas anderes: weniger Neid, mehr Vorsicht. Als h?tte das hellblaue Abzeichen auf seiner Brust ihnen eine Frage gestellt, auf die sie noch keine Antwort hatten.

  Iridium, Tantal, Mithril, Orichalcum, Adamantit … Für ihn und Diamant waren das keine blo?en W?rter. Das waren Stufen, von denen alle erwarteten, dass sie sie irgendwann erreichen k?nnten – nur weil sie früh Platin geworden waren.

  Krent presste kurz die Lippen zusammen.

  Und trotzdem sehen sie uns hier am liebsten wieder bei Null. Als Schüler. Als Projekte. Als Risiken.

  Diamant stupste ihn an.

  ?Komm“, sagte er leise. ?Wenn wir uns beeilen, erwischen wir vielleicht noch ein paar Minuten Ruhe, bevor der n?chste Lehrer versucht, uns zu erkl?ren, wie die Welt funktioniert.“

  Krent atmete durch, warf einen letzten Blick auf die Tafel – auf die Reihen, die wie ein Weg aussahen, und auf die zwei Namen, die wie N?gel darunter standen. Dann drehte er sich weg und folgte Diamant aus dem Raum.

Recommended Popular Novels