Tanzenden
Schatten zogen sich im Kerzenschein durch die stille Kammer. Der Geruch
von Wachs auf altem Holz vermischte sich zu etwas Neuem. Aethyrael sah
den Schock in ihren tiefen dunklen Augen. Und er genoss den Anblick. Es
gab nichts Sch?neres als sprachlose Hexen. Er setzte sich beil?ufig,
verschr?nkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie, mit dem Blick
eines Kindes, der von vielen Dingen sprach, aber nicht von Traurigkeit.
?Schuldig der Sünde. Und ich bereue nichts!"
Eine Pause. Kurz. Kalkuliert.
?Du siehst gelangweilt aus wie immer." Er betrachtete sie gewitzt. ?Doch auch Langeweile kostet."
Stille.
Sie
sah ihn entgeistert an. Als ob sie etwas z?hlte, das er nicht sehen
konnte. Dann — eine Feststellung. Keine Frage. Keine W?rme. Gewissheit.
?Todessehnsucht."
Er
h?rte es, doch bestrafte sie mit Schweigen. Trotzig sa? er da, mit
demselben Grinsen, das er durch das Portal getragen hatte. Ceryne
fixierte ihn mit einem Funkeln in den Augen. Das Zucken ihrer Mundwinkel
ein feiner Riss in ihrer sonst so makellosen Fassade. Begeisterung sah
anders aus. Sie lehnte sich l?ssig zurück und nippte genüsslich an ihrem
Getr?nk. Das tiefe Rot der Flüssigkeit lag schwer im Glas wie Blut.
Stille legte sich über die stickige Kammer, als w?re sie in dichten
Nebel gehüllt.
?Deine Mutter wird begeistert sein", brach sie schlie?lich das Schweigen und l?chelte verwegen.
?Lange nicht gesehen, Schatten der Ordnung", wiegelte er entschieden ab.
?Das soll wohl ein Scherz sein", schnaubte sie und erhob sich entschieden aus ihrem Sessel. ?Wo du bist, wird Ananke folgen."
Eine
flüchtige Handbewegung sp?ter war das Schloss der Tür mit einem
klickenden Ger?usch eingerastet. Mit einer Selbstverst?ndlichkeit, die
der Sch?pferin selbst Konkurrenz bereitet h?tte, baute sich die
zierliche Frau vor ihm auf. Beide H?nde an den Hüften. Bebende
Nasenflügel. Selbst die Sorgenfurche ihrer Stirn musste sich dem
aufkommenden Zorn geschlagen geben.
Schlafende Hunde soll man nicht wecken, dachte Aethyrael belustigt und musterte sie von Kopf bis Fu?.
Doch
bevor er etwas erwidern konnte, begann ein Wasserfall aus Worten auf
ihn einzuprasseln. Kalt. Klar und befreit von jeder Form des Mitleids.
Eine natürliche Reaktion. Vorhersehbar. Mit gleichgültiger Miene lie? er
sie gew?hren. In dieser Hinsicht waren alle Hexen gleich. Wie ein
blanker Nerv, zur Schau gestellt, entzog sich etwas ihrer Ordnung. Eine
zerbrechliche Ordnung, ging es um den Stern der Sch?pferin. Ersch?pft
durch ihren Wutanfall sackte Ceryne wenig sp?ter in ihrem Sessel
zusammen. Ihre kleinen zitternden H?nde umklammerten das Glas, als würde
es ihr Halt geben. Ein rührender Versuch, die Angst vor dem Zorn der
Sch?pferin zu verstecken. Einen Moment sagte sie nichts und blickte
verloren in das flackernde Kerzenlicht.
?Du warst immer schon ein Problem auf zwei Beinen", murmelte sie ohne aufzusehen. ?Was hast du dir dabei gedacht?"
Er ?ffnete den Mund —
?Sags
mir nicht." Eine knappe Handbewegung. Abgetan. Endgültig. ?Der kleine
Stern hat sich verlaufen und ich darf jetzt das Kinderm?dchen spielen."
Sie polterte weiter, die Worte rollten wie Donner über ihn hinweg.
Es klopfte.
Ceryne verstummte. Ihr Blick glitt zur Tür. Schmal. Kalt. Das Funkeln in ihren Augen ein Ausdruck von Missbilligung und Zorn.
?Herein."
Der
Klang ihrer Stimme nun wieder verlockend. Einladend. Warm. Als w?re
nichts gewesen. Aethyrael sah sie verwundert an und runzelte die Stirn,
doch sie schob ihn kurzerhand zur Seite. Ceryne murmelte etwas und die
Schatten der Kammer wurden lebendig. Wie lebendiges Unkraut wuchsen sie
aus dem Holzboden, den W?nden und der verzierten Decke. Dann ein
Poltern.
?Setz
dich dahin und sei still", sagte sie und deutete flüchtig auf einen
weiteren Sessel, der aus dem Nichts erschienen war. Alt. Dunkelblau auf
Schwarz und abgenutzt.
Die
Tür ?ffnete sich langsam. Was eintrat, blieb im Ged?chtnis — nicht weil
es sch?n war. Sondern weil es das Gegenteil war. Ein Mann. Breit.
Schwer. Das Gesicht eine Landkarte aus Narben, als h?tte das Leben
selbst mehrfach versucht, es auszul?schen. Doch ohne Erfolg. Einer davon
lief vom linken Auge bis zum Kiefer — blass, alt, tief. Die Augen
darunter: unruhig. Gezeichnet durch tiefe Augenringe. Die H?nde:
zitterten. Er trat einen Schritt in den Raum. Blieb stehen. Sein Blick
wanderte von Ceryne zu Aethyrael — und zurück. In seiner Hand hielt er
eine verrostete Kette. Und an ihrem Ende befestigt: etwas Lebendes.
Ein
M?dchen. Aethyraels Alter. Vielleicht jünger. Schwer zu sagen — sie
hing mehr als sie stand, die Knie kaum in der Lage, ihr Gewicht zu
tragen. Das Haar klebte ihr im Gesicht. Die Fü?e: nackt. Die Augen: halb
geschlossen. Frei von jeder Hoffnung.
Der
Alte r?usperte sich. ?Ich habe geh?rt, es gibt Interesse. An Begabten."
Er schob das M?dchen ein Stück vor. ?Sie ist es wert."
Ceryne betrachtete ihn absch?tzig. Dann das M?dchen. Einen Herzschlag lang — nicht l?nger.
?Das
Balg besitzt keine magische Begabung", sagte sie. Beil?ufig. Als würde
sie das Wetter kommentieren. ?Wertlos. Zeitverschwendung."
Der
Mann verstand es nicht. Oder wollte es nicht verstehen. Er schritt in
die Kammer und zerrte das M?dchen hinter sich her. ?Sieh sie dir an."
Seine Stimme wurde lauter. Dringlicher. ?Man kann es sehen. Klar und
deutlich."
Ceryne hob den Blick. Langsam. Mit der Geduld eines J?gers, der soeben seine Beute gewittert hat.
?Ich sehe", sagte sie ruhig, ?nur ein halbtotes junges Ding."
Stille.
Der
Mann ?ffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Aethyrael lehnte im
abgenutzten Dunkelblau des Sessels und beobachtete. Das M?dchen an der
Kette hatte die Augen ge?ffnet. Nur einen Spalt. Aber genug. Sie sah ihn
an und l?chelte. Er sah zurück und konnte es nicht. Etwas zwischen Herz
und Seele lie? es nicht zu. Es kam ihm falsch vor und doch konnte er
nicht in Worte fassen was. Moonshire versprach ihm Abstand zu niederen
Sterblichen und ihren Leiden. Doch Helios war nah. Zu nah.
?Pah", grunzte er. ?Dann verkaufe ich die Kr?te eben woanders. Bist nicht die einzige Hexe der Stadt in dieser Nacht."
Er
drehte sich und versetzte der Sklavin einen wuchtigen Tritt. Sie
prallte mit einem dumpfen Knacken rücklings gegen die Tür und blieb
wimmernd am Boden liegen. Das dunkle sterbliche Blut tauchte den
Holzboden in ein tiefes Rot. Aethyrael hatte nicht bemerkt, wie er sich
erhoben hatte. Nur, dass er stand und dem Alten einen kalten Blick
zuwarf. Doch Ceryne war bereits verschwunden. Der Schatten, der soeben
noch neben Aethyrael gesessen hatte, tauchte vor dem Alten auf. Lautlos.
Ohne übergang. Als h?tte die Kammer selbst entschieden, dass es Zeit
war zu bezahlen. Eine flie?ende Bewegung sp?ter. Kein Z?gern. Kein Zorn.
Nur Metall durch Fleisch und Knochen.
Das Messer blitzte. Die Hand fiel. Blut vermischt mit Staub und Holz. Kein ansehnliches Spiel.
Der
Mann schrie — ein rohes, ungl?ubiges Ger?usch — Cerynes Fu? traf ihn in
die Brust, bevor der Schrei zu Ende war. Er stürzte rückw?rts. Prallte
auf den Boden. Blieb liegen. In seinem eigenen Blut. Vor Schmerz
gekrümmt. Um eine Hand leichter. Und eine Lektion schwerer. Mit Panik in
den Augen machte er sich daran, die Blutung zu stoppen. Ceryne
betrachtete ihn von oben herab. Das L?cheln war zurück. Das falsche. Das
alte.
?Da du nichts anzubieten hast", sagte sie freundlich, ?nehme ich mir deine Hand." Eine kurze Pause. ?Fürs Erste."
Dann wandte sie den Blick zum M?dchen. Kurz. Ohne W?rme.
?Und jetzt nimm dein Haustier — und verschwinde."
Aethyrael
stand noch. Der Impuls war noch da — hei?, unfertig, in voller Blüte.
Ein Schuldschein für einen Sterblichen. Und er wollte die Bezahlung
sofort. Doch Ceryne hatte ihm keine Zeit gelassen. Er sah auf den Mann
am Boden. Dann auf sie. Mehr Ratlosigkeit als Problem auf zwei Beinen.
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?Setz
dich. Du machst die Schatten unruhig.", sagte Ceryne mit einem
Kopfnicken in Richtung des Sessels. Dann ein ehrliches L?cheln: ?Und
mich auch."
Aethyrael
lie? sich zurück in den Sessel fallen. Der Anblick schmerzerfüllter
Gesichter und Blutrot mit metallischem Geschmack auf der Zunge war
wahrlich nichts Neues für ihn. Viele mochten ihn der Erscheinung nach
für ein Kind halten. Doch hatte er sich nie wie eines gefühlt. Kinder
mussten lernen, was er bereits wusste. Fühlen, was er bereits kannte.
Fluch der Hexenkinder nannte er es. Und genauso war es auch. Er wollte
Kind sein. Sein Verstand lie? es nicht zu. Mitleid zeigen — seine
Gedanken widersprachen ihm. Es war leichter, sich dem Fluss hinzugeben,
als dagegen anzuk?mpfen. Die Sterblichen als Herdenvieh zu betrachten,
nicht als wertvolle Existenzen. Er holte tief Luft und richtete seine
Aufmerksamkeit wieder nach vorne: auf besagtes Herdenvieh.
?Wirds
bald", polterte Ceryne und versetzte dem Alten noch einen Tritt gegen
seinen Sch?del, der ihn direkt wieder zu Boden warf. ?Du blutest mir den
Boden voll."
Der
Mann rappelte sich auf, griff zitternd nach der rostigen Kette. Dann
schnappte er sich das wimmernde M?dchen und ergriff haltlos die Flucht.
Was zurückblieb, war eine zuckende herrenlose Hand. Und eine mit
Blutsprenkeln verzierte Kammer im Gasthaus zur Glückseligkeit.
Was
für ein Auftritt, dachte Aethyrael und sah fragend zu Ceryne. Doch sie
grinste nur und war dabei in aller Seelenruhe ihr Gold und den Rest
ihrer Habseligkeiten in ihrem Dimensionsring zu verstauen. Weder in Eile
noch mit Schuldgefühlen. Nur das Klirren der Münzen war zu h?ren.
?Was machst du hier eigentlich", fragte er.
Ceryne hob den Blick vom Ring. Kurz. Als h?tte sie die Frage bereits erwartet.
?Ich sorge dafür, dass es der Herde besser geht."
Sie warf ihm eine Münze zu. Ohne Vorwarnung. Ohne Blickkontakt.
?Natürlich nur gegen Bezahlung."
Aethyrael
fing sie. Betrachtete die Münze. Rau und schwer lag sie in seiner Hand.
Dann sie. Die Worte standen noch im Raum — ruhig, beil?ufig, vollkommen
ernst gemeint. Und doch. Er ?ffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
?ffnete ihn ein zweites Mal. Keine Worte, aber viele Fragen. Ceryne
amüsierte das sichtlich. Das Funkeln war zurück — nicht das falsche. Das
ehrliche. Das gef?hrlichere.
?Bevor du fragst." Sie lehnte sich zurück. ?Ja. Mir ist langweilig."
Eine Pause.
?Aber
das wusstest du ja schon." Der Blick glitt zu ihm — kurz, warm, mit
einem Unterton, der ?lter war als das L?cheln, das ihn begleitete.
?Kleiner."
Aethyrael
sah sie an. Fassungslos war das falsche Wort. Es war — ungeordnet. Ein
Gefühl, das keine Schublade kannte. Ceryne, die die Herde beschützte.
Gegen Bezahlung. Mit einem Dimensionsring voller Gold und einer
abgetrennten Hand auf dem Boden. Er entschied sich dagegen, es zu
verstehen. Fürs Erste.
?Und die Hand", fragte er und deutete mit einem Finger auf das zuckende Stück Fleisch am Boden.
Die Hexe sah ihn an und zuckte dann teilnahmslos mit den Schultern. ?Ein Andenken." Dann ein kurzes Kichern. ?Und eine Spur."
?Eine Spur wohin", fragte er und entschied sich dazu, die Hand vorerst zu ignorieren. Für seinen Seelenfrieden.
Sie hob die Hand auf und sah ihn dann direkt in die Augen. Keine Spur von Abneigung oder Ekel.
?Oh,
das wird sich zeigen", flüsterte sie geheimnisvoll. ?Aber sei dir
gewiss, die Hand war nicht das letzte K?rperteil, das der Alte heute
verlieren wird."
Ceryne
zeichnete mit absoluter Selbstgef?lligkeit ein magisches Symbol in die
Luft. Blaues Flackern verdr?ngte das Licht der Kerzen. Aethyrael wusste,
was es war. Das Zeichen schwebte für einen Moment pulsierend vor sich
hin, dann begann der Raum zu vibrieren. Aus den Schatten trat ein
Konstrukt hervor. Teilnahmslose Miene, tote Augen. Puppenhafter K?rper.
Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Diese seelenlose Imitation
eines verkommenen Gedankens wollte nicht dienen, sie wollte t?ten.
Sie
nahm die Hand und warf sie dem Konstrukt vor die Fü?e wie einem Hund
den ersehnten Knochen. Das willenlose Wesen stürzte sich darauf wie ein
Tier auf rohes Fleisch. Zusammengekauert sa? es danach unter dem Tisch
der Kammer. Schmatzende Ger?usche und brechende Knochen ert?nten aus der
Dunkelheit. Aethyrael verzog angewidert das Gesicht. Mit einem letzten
lauten Knacken, gefolgt von einem Schlucken, kehrte Ruhe ein. Die abartige
Kreatur kam mit gro?en Augen und blutverschmierten Lippen aus der
Dunkelheit gekrochen. Mit erwartendem Blick suchte sie nach ihrer
Herrin. Jede Bewegung klang wie Metall auf Metall. Selbst der Atem war
mehr ein seltsames R?cheln mit fauligem Gestank. Hustend und sabbernd
warf sie sich vor Ceryne zu Boden.
?Konstrukt frisst. Konstrukt sucht. Konstrukt t?tet.", stammelte es vor sich hin ohne aufzusehen.
?Dann such, niedere Kreatur", zischte Ceryne. ?Bring mir seinen Kopf. Den Rest kannst du haben."
?Die Meisterin der Schatten ist ?u?erst gro?zügig", stotterte es und verschwand in der Nacht des Sündenpfuhls.
Zurück
blieb Ratlosigkeit. Das dringende Bedürfnis, sich am Kopf zu kratzen.
Abneigung und ein ekelhafter Geruch. Aethyrael hatte schon viele
Konstrukte gesehen, aber das war neu. Selbst das Symbol seiner Kaste war
ihm unbekannt. Alles was er kannte war Moonshire, und doch wusste er
nichts. Nicht das Geringste. Verst?render Anblick hin oder her.
Fliegende K?rperteile, Blut und Tr?nen. Alles nichts Neues. Aber diese
Ger?usche und dieser Blick. Er schüttelte sich, als wollte er das
Erlebte und den Ekel loswerden. Doch stattdessen fühlte er übelkeit
aufsteigen.
?Du siehst blass aus, Kleiner", sagte sie und betrachtete ihn aufmerksam.
Stille war das Einzige, was Aethyrael ihr geben konnte.
?Ich
würde dir ja was zu essen anbieten", fuhr sie fort und lie? den Blick
durch den Raum gleiten. ?Aber ich glaube, du hast bestimmt keinen Hunger
mehr."
Dann warf sie ihm einen wissenden Blick zu und fing an, h?hnisch zu lachen.
?Schweig, du Hexe", knurrte er und funkelte sie an.
Ceryne lachte weiter. H?hnisch. Unaufh?rlich. Einen Atemzug lang.
Dann — nichts. Nur ihre Hand, die sich um seinen Arm schloss. Fest. Ohne Vorwarnung.
?Die
Glückseligkeit hat uns hier leider verlassen." Sie sah ihn an. Kein
L?cheln mehr. Kein Funkeln. Nur — Fokus. ?Komm, Kleiner, wir suchen uns
was Neues."
Eine Pause.
?Ich hab da auch schon eine Idee."
Die Nacht empfing sie mit allem, was Helios zu bieten hatte.
Aethyrael
folgte ihr durch die engen Gassen des Sündenpfuhls. Ceryne bewegte sich
durch die Menge wie Wasser durch Risse — lautlos, zielgerichtet, ohne
zu z?gern. Er beobachtete. Lie? die Kulisse auf sich wirken. Die K?lte
der Nacht legte sich auf seine Haut und brachte seine Sinne in Einklang.
Sch?rfer. Klarer. Als w?re die Welt endlich wieder zurück in ihrer
gewohnten Umlaufbahn. Doch der Stern war es nicht.
Bei dem Gedanken daran musste er grinsen.
Sklaven
schliefen im Dreck der Stra?e. Zusammengekauert zwischen Abfall und
feuchtem Stein. Dazwischen Kinder — so klein, dass man sie erst auf den
zweiten Blick sah. Und Wesen, die keine Namen hatten und auch keine
brauchten. Die Stadt schlief nicht. Sie atmete. Schwer. Feucht. Mit dem
Rhythmus von allem, was niedere Sterbliche einander antun, wenn niemand
hinschaut. Verlangen war hier nicht nur ein Wort. Es war ein Geschmack,
der sich wie S?ure auf die Lippen legte. Gewalt nicht nur ein Zustand,
sondern ein Geruch, der drohend in der Luft lag.
St?hnen
hinter geschlossenen Fensterl?den. Ein Schrei, der abbrach, bevor er zu
Ende war. Lachen, das zu laut war, um ehrlich zu sein. Helios nicht nur
irgendein Sündenpfuhl. Es war fleischgewordene Sünde, konzentriert auf
einen Punkt in den Schatten dieser gepeinigten Welt. Aber ein Pfuhl
setzte voraus, dass irgendwo ein Ufer war.
Doch in diesem Ozean aus Verführung und Begierde gab es keins.
Aethyrael
sog die Luft ein. Blut. Holzrauch. Billiges Parfüm. Und darunter —
etwas Fauliges, das keine Quelle hatte. Nur überall war. Er lie? es
geschehen. Lie? Helios ihn beobachten, w?hrend er Helios beobachtete.
Zwei Augen, die sich ma?en, ohne zu blinzeln. Ceryne blieb stehen und er
neben ihr. Vor ihnen hing ein Schild. Schlicht. Holz. Mit unebenen
Buchstaben in das Material gebrannt, als h?tte jemand schlichtweg keine
Lust gehabt.
?Zum Reinen Gewissen."
Aethyrael las es. Einmal. Zweimal. Dann sah er sie fassungslos an.
Und fing an zu lachen.
Nicht
weil es lustig war. Es war — absurd. Eine Stadt, die ihren G?sten
Glückseligkeit und reines Gewissen verkaufte, w?hrend die Stra?en davor
mit Fleisch und Elend gepflastert waren. Hier gab es weder das eine noch
das andere. Nur den Tod und seinen Auftritt. Geduldig. Wie immer. Das
Lachen h?rte auf, so schnell wie es begonnen hatte. Er sah das Schild
an. Dann sie.
?Nicht dein Ernst", sagte er.
Sie
schob die alte Holztür beiseite und trat ein. Der Raum dahinter war
leer. Kein Wirt. Kein Gast. Nur ein Empfang, den niemand bediente.
Stühle ohne Besitzer. Eine einzelne Kerze brannte verloren als letztes
Licht der Hoffnung. Mehr nicht.
Dann — ein Ger?usch.
Dumpfes
Klopfen. Gleichm??ig. Aus der Richtung hinter der Theke. Gefolgt von
einem St?hnen, das schwer zu deuten war. Schmerz oder Vergnügen. Beides
klang in Helios gleich. Aethyrael stand in der Tür und lauschte. Die
K?lte der Nacht hing noch an ihm und lie? ihn leicht zittern.
?Reines Gewissen", murmelte er mürrisch. ?In der Tat."
Ceryne warf ihm einen Blick zu. Das Funkeln war zurück.
?Warte
hier", sagte sie — doch die Tür hinter dem Empfang schwang im selben
Moment auf. Mit einem Krachen bohrte sich die Türklinke aus Messing in
die dahinterliegende Wand. Im Rahmen stand ein glatzk?pfiger Mann, der
auch schon mal bessere Tage gesehen hatte. Er trug schlichte graue
Kleidung und eine wei?e Schürze aus Leder. Vom reinen Wei? war jedoch
wenig geblieben. Stattdessen war darauf ein Kunstwerk aus roten
Spritzern abgebildet. Seine Schweinsaugen wanderten suchend durch den
Raum und fanden erst Ceryne. Und dann Aethyrael.
Dieser Albtraum nimmt kein Ende, dachte er und kratzte sich dieses Mal tats?chlich am Kopf.
?Wer ist dieses Balg", blaffte der Glatzkopf hinter dem Tresen.
?Ein
Zimmer für zwei auf unbegrenzte Zeit und keine Fragen, Manni.", fiel
ihm Ceryne schnippisch ins Wort. ?Der Kleine geh?rt zu mir."
Sie
legte ihm besitzergreifend beide H?nde auf die Schultern. Manni warf
ihr einen wissenden Blick zu und grinste dann breit. Es war das Grinsen
eines Sadisten. Ein Grinsen, das er bei Silvara oft gesehen hatte, wenn
sie ihre Spielchen mit den Sterblichen trieb.
?Man
nennt mich Manni, Kleiner", sagte er und richtete seine kleinen Augen
auf Aethyrael. Dann grinste er und leckte sich über seine fetten Lippen:
?Aber alle hier nennen mich nur: den Fleischer."
?Thyrael", sagte er knapp. Dann warf er dem selbst ernannten Fleischer einen giftigen Blick zu. ?Problem auf zwei Beinen."
Er
nickte anerkennend und deutete mit einer knappen Handbewegung auf die
staubige Treppe. Das Innenleben des Gasthauses genauso einladend wie der
Fleischer am Empfang. Die Zimmer alt und staubig. Heruntergekommen.
Abgenutzt. Verbraucht. Das Beste, was Helios zu bieten hatte. Und
Thyrael würde es genie?en. In der ersten Reihe.

